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Die plötzliche Krankheit Fidel Castros und die daraus resultierende
Unfähigkeit des langjährigen kubanischen Staatschefs die
Regierungsgeschäfte weiter wahrzunehmen, haben zum ersten Mal seit 1959
die Frage der Nachfolge auf die Tagesordnung gesetzt. Entgegen dessen
was das Regime allen glaubhaft machen wollte, sind alle bisherigen
offiziellen mündlichen sowie schriftlichen Erklärungen hinsichtlich der
Nachfolge von Castro durch seinen Bruder, nichts weiter als
Lippenbekenntnisse gewesen. Der selbstherrliche und geltungssüchtige
Castro hat nie andere Meinungen als die eigene toleriert.
Das Ergebnis: Während der letzten 47 Jahre sind keine politischen Vordenker in Kuba in Erscheinung getreten.
Aus den Reihen der Kommunistischen Partei Kubas sind in dieser Zeit nur
"Ja-Sager" hervorgegangen.
Daraus resultiert, dass in der jetzigen
Parteiführung innovative politische Ideen Mangelware sind. Dieser Fakt
ist ein wichtiges Argument gegen die allgemein verbreitete Auffassung
in Europa, dass die Erbträger Castros in der Lage wären, die für das
Land dringend notwendigen Reformen einzuleiten.
Die spärlichen Meldungen aus Havanna lassen vermuten, dass
Castro sich auf dem Weg der Genesung befindet. Solange Fidel noch am
Leben ist, wird sich niemand auf Kuba trauen die Macht selbst in die
Hand zu nehmen. Das versetzt das Land in eine noch größere Stagnation
als bisher. Selbst bei einer Rückkehr Fidels an die Regierungsspitze
ist davon auszugehen, dass seine Gesundheit altersgemäß und als Folge
der jetzigen Erkrankung stark geschwächt sein wird. Nichts wird so sein
wie frührer. Daraus resultiert ein Teufelskreis.
Die Zuspitzung der inneren Widersprüche in der Führungsschicht
ist vorprogrammiert. Ein Zwischenfall - wie am 5.August 1994 – wo die
Menschen sich zu einer spontanen Protestdemonstration an der
Uferstrasse von Havanna versammelten, könnte der Auslöser einer
Kettenreaktion werden. Nur das schnelle Eingreifen von Fidel Castro an
der Spitze einer Gegendemonstration konnte damals die zugespitzte
Situation retten. Ein angeschlagener Castro wäre nicht in der Lage noch
einmal als Retter zu wirken. Die Debatte über die Zukunft ist hinter
verschlossenen Türen in den verschiedenen Etagen der kubanischen
Führung bereits entfacht. Noch schlimmer – hinter dem Rücken des
„Maximo Lider“. Die Wende in Kuba hat begonnen.Das Echo aus dem Ausland
auf die Ereignisse in Kuba ist jedoch nicht immer der Sache der
demokratischen Entwicklung dienlich.
Die Karibikinsel – obwohl wirtschaftlich kaum von Bedeutung –
ist immer noch ein brisantes Thema in einigen Ländern auf beiden Seiten
des Atlantiks. Vor allem in den USA und Spanien - die auf Grund ihrer
eigenen Geschichte die Ereignisse auf Kuba als innenpolitische
Angelegenheiten betrachten.
Dieser Fakt könnte sich als ein Hindernis für die demokratische
Entwicklung Kubas erweisen und manchen Reformversuch im Keim ersticken.
Die USA und Europa haben Präferenzen unter den möglichen Akteuren
dieses gerade begonnenen Prozesses. Das hat manchen Disput zwischen den
Erwählten ausgelöst. Es ist zu befürchten, dass mit dem Voranschreiten
des Reformprozesses diese Auseinandersetzungen um die Gunst aus dem
Ausland zunehmen werden.
Andererseits ist das Land auf ausländische Hilfe angewiesen. Der Aufbau
der kubanischen Wirtschaft wird große Anstrengungen erfordern. Die
Kubaner werden aus eigener Kraft kaum in der Lage sein, diese Aufgabe
zu bewältigen.
Während der Wende wird man leider mit einem verstärkten Druck auf die
Bevölkerung zu rechnen haben. Vor allem auf die friedlichen
Oppositionellen, die schon ohnehin untererträglichen Repressalien
ausgesetzt sind.
Niemand ist in der Lage die zukünftigen Ereignisse und den Verlauf des
Reformprozesses vorauszusagen. Man muss jedoch aufgrund der oben
genannten Faktoren davon ausgehen, dass die kubanische Wende kein
gradliniger Prozess sein wird.
Dafür spricht eine Vielzahl von Faktoren, die von außen und innen
bereits zu wirken beginnen. Es ist anzunehmen, dass in dem bereits
begonnenen Prozess auch Rückschläge zu erwarten sind.
Wie schon so oft in der jüngsten Vergangenheit findet eine
Instrumentalisierung des Nationalismus und der Geschichte für eigene
Zwecke statt. Eine Konfrontation – auch gewaltsam – ist dabei nicht
auszuschließen. Vernunft und Realismus könnten das Gewaltpotential der
bevorstehenden Auseinandersetzungen minimieren.
In diesem Zusammenhang steht der kubanischen Opposition – außer ihren
Führungsansprüchen - eine besondere Rolle als "Moderatoren" im
gesamten Wendeprozess zu. Einen Vorteil haben sie gegenüber den
augenblicklichen Regierungsinstanzen.
Im Unterschied zu ihnen beschäftigen sich die kubanischen
Oppositionellen seit langem mit der Frage der Wende und haben bereits
eigene "Road Maps" für die Einleitung demokratischer Reformen und die
Wiederherstellung einer Zivilgesellschaft erarbeitet.
In Anbetracht des beginnenden Reformprozesses auf Kuba kann leider
Europa immer noch kein Konzept zu einer gemeinsamen Kuba-Politik
anbieten. Die Situation auf der Insel bedarf einer gründlichen
Diskussion unter Beteiligung aller politischen Kräfte Europas, die an
einer demokratischen Entwicklung auf der Karibikinsel interessiert
sind.
Aus diesem politischen Dialog sollte sich eine koordinierte europäische
Politik zur Unterstützung eines Reformprozesses auf der Insel heraus
kristallisieren.
Der Respekt gegenüber der Souveränität Kubas darf nicht zu einer
Politik der "ruhigen Hand" der europäischen Diplomatie bezüglich der
kubanischen Wende führen. Die Kubaner brauchen die tatkräftige
Unterstützung von Außen. Eine zögerliche europäische Politik wäre der
Wende auf Kuba nicht dienlich.
Aus Europa und Amerika sollten positive Impulse für den Reformprozess
ausgehen. Es müssen jedoch gut überlegte Handlungen sein, frei von
jedem innenpolitischen Kalkül, vor allem jeglicher Instrumentalisierung
der kubanischen Wende seitens der politischen Parteien in ihren
innenpolitischen Auseinandersetzungen.
Die europäischen Parteien sollten zu einem baldigen Konsens
hinsichtlich einer gemeinsamen Kuba-Politik auf der Grundlage
festzulegender Grundprinzipien gelangen. Diese können dann als
Grundlage für die Ausarbeitung eines Maßnahmenkatalogs für die
bevorstehenden Entwicklungen auf Kuba dienen.
Die Kubaner und in erster Linie die Mehrheit der kubanischen Opposition
erwarten eine aktive Politik der Europäer als Beitrag zu einer
friedlichen demokratischen Wende auf der Insel.
Die europäische Kuba-Politik hat daher dringenden Handlungsbedarf.
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