Interview mit Vertreterin der kubanischen Zivilgesellschaft
Sonntag, 18. März 2007

Im Dezember 2006 versuchte eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten nach Kuba zu reisen. Die kubanischen Behörden stellten den deutschen Parlamentariern jedoch keine Einreisevisa aus. Im Gegensatz zur Regierung unter Raúl Castro wünscht die unabhängige Zivilgesellschaft Kubas den Dialog mit Deutschland und Europa. Die Frauenbewegung „FLAMUR“ beauftragte ihre Vertreterin im Ausland, Magdelivia Hidalgo, nach Deutschland zu reisen und mit Vertretern verschiedener Parteien im Bundestag zu sprechen. „FLAMUR“ setzt -  trotz verstärkter Repressalien die Aktion „Mit der Gleichen Münze“ unter unvermindertem Enthusiasmus fort. Die Redaktion des Kuba Magazin wollte noch mehr darüber wissen und sprach mit der Vertreterin von „FLAMUR“ über die Lage in Kuba und den Stand der ihrer Reisevorbereitungen.

Autor: Boris Luis Santa Coloma 

 

Kuba Magazin:

Magdelivia, in der unabhängigen Presse lasen wir mit entsetzen, eine Nachricht über den Tod eines Mitgliede von „FLAMUR“. Diese Frau wurde von ihrem eigenen Mann zu Tode geprügelt. Eines der Projekte von „FLAMUR“ beinhaltet - die Bekämpfung der Gewalt in der Ehe. Das stellt ein großes Problem besonders in den östlichen Provinzen dar, in denen sich  „FLAMUR“ hauptsächlich engagiert.


magdeliviaMagdelivia Hidalgo:

Das Opfer hieß Miriam Ramírez. Fünf Tage vor ihrem gewaltsamen Tod wurde sie von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen. Die Polizei unternahm nichts. Gerade einer der wichtigsten Projekte von „FLAMUR“ dient der Unterstützung von Opfern der Gewalt in der Ehe. Wir denken, die Verbindungen von Miriam Ramírez zu „FLAMUR“ waren das entscheidende Kriterium für die Untätigkeit der kubanischen Sicherheitsorgane. Die Behörden hatten den Tod von Miriam zugelassen, ja vielleicht sogar ihren Tod gewollt. Miriam Ramírez war sehr aktiv bei der Unterschriftensammlung für die Aktion „Mit der Gleichen Münze“. Sie wird uns immer in Erinnerung bleiben. Bei der späteren Sargaufbahrung im  Bestattungsinstitut sowie auch bei der Beerdigung gab es dann plötzlich eine sehr starke Polizeipräsenz. Die Behörden wollten angeblich verhindern, dass sich die Trauerveranstaltung in eine politische Aktion verwandelt.

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Kuba Magazin:

Welche Projekte laufen bereits unter der Leitung von „FLAMUR“?

 

Magdelivia Hidalgo:

Wir haben schon einige nützliche Initiativen auf kommunaler Ebene in ländlichen Regionen ins Leben gerufen. Weiterhin versuchen wir unabhängige Initiativen zu fördern, da die Regierung die privaten Produktionsformen in der Landwirtschaft nicht unterstützt. Wir dagegen glauben, durch eine gezielte Förderung der Eigeninitiative einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung zu leisten. Daher unterstützen wir die Gründung von kleinen und mittleren Landwirtschaftsbetrieben der Tierproduktion (Geflügel, Bienen, Schweine, etc). Außerdem helfen wir unverheirateten Frauen, vor allem Opfer von Gewaltakten. Wir gründen Werkstätten mit diesen Frauen und bringen ihnen das Nähen bei. Außerdem veranstalten wir Vortragsreihen über Gewalt in der Ehe, Umwelt sowie  Menschenrechte. Weiterhin unterstützen wir auch unverheiratete Mütter.

 

Kuba Magazin:

Wie läuft die Aktion „Mit der Gleichen Münze“`?

 

Magdelivia Hidalgo:

Wir spüren ein wachsendes Interesse der Bevölkerung an dieser Aktion. Die Leute verlangen zunehmend das Recht, mit dem eigenen verdienten Geld in allen Läden bezahlen zu können. Niemand will - wie ein Mensch zweiter Klasse im eigenen Land - behandelt werden. Seit 48 Jahren wird die einfache Bevölkerung im eigenen Land diskriminiert. Innerhalb von 6 Monaten haben wir bereits das Ziel erreicht und die 10 Tausend Unterschriften gesammelt. Das wurde trotz  des permanenten Drucks und der offiziellen Schikanen der Behörden erreicht. Aber wir erlitten auch Rückschläge. Wir wollten dem Parlament den Antrag mit den 10 Tausend Unterschriften vorlegen, aber der Postbote – der unabhängige Bauer: Reinaldo Jiménez – wurde von der politischen Polizei verhaftet. Ihm wurden die Papiere mit 3.500 Unterschriften abgenommen und beschlagnahmt. Das geschah auf einer Strecke der Hauptstraße zwischen den Städten Las Tunas und Guaimaro, als Jiménez unterwegs nach Havanna war. Für unsere Initiative bedeutete das einen herben Rückschlag.

„Mit der Gleichen Münze“ wird jedoch zunehmend von der Bevölkerung unterstützt. Die Menschen bekommen ihre Gehälter und Löhne in der einheimischen Währung. Die Einkommen der einfachen Bevölkerung sind niedrig – ca. 9 € im Monat. Wenn man jedoch etwas kaufen will, benötigt man nicht selten eine andere Währung. Dazu kommt noch die Diskriminierung. In Kuba herrscht eine Tourismus- Apartheid. Die Bevölkerung darf keine Hotels oder Restaurants besuchen. Diese sind nur für die Ausländer offen. Die Menschen haben diese Situation schon lange satt. Ich glaube, dass erklärt die positive Reaktion auf die Unterschriftenaktion von „FLAMUR“. Die Bevölkerung will eine spürbare Verbesserung ihres Lebensniveaus. Die Parolen und die Versprechen der Regierung zeigen keine Wirkung mehr.

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Kuba Magazin:

Was versprichst Du Dir von Deinem Deutschlandbesuch?

 

Magdelivia Hidalgo:

Wir bereiten uns hoffnungsvoll auf unsere Gespräche in Deutschland vor. Zunächst halte ich den Dialog für einen wichtigen Weg der Verständigung. Sowohl „FLAMUR“ als auch die kubanische Zivilgesellschaft steht für den Dialog. Daher mein starkes Interesse mit den deutschen Abgeordneten über die Lage in Kuba zu sprechen. Wir brauchen jetzt die Unterstützung der Weltöffentlichkeit. Gerade Deutschland kann uns durch die eigenen Erfahrungen im Umgang mit dem Totalitarismus beratend zur Seite stehen. Es interessiert uns sehr, unter welchen Bedingungen die Menschenrechtsbewegung der DDR ihre Aktivitäten plante und durchführte. Wir hoffen, bei den Gesprächen ein offenes Ohr für die Beratung und zur Unterstützung unserer Kommunalprojekte zu finden, da wir uns weiterhin noch effektiver für die Entwicklung und den Wohlstand in Kuba einsetzen wollen. Seit 48 Jahren sind uns Kubanern andere Alternativen, als die von der offiziellen Politik vorgeschriebenen,  verwehrt worden. Das muss sich ändern.

 

Kuba Magazin:

Frau Hidalgo, Danke für dieses Interview.

 

Magdelivia Hidalgo:

Ich danke Ihnen auch.

ENDE