Carlos Alberto Montaner: Was kommt nach Castros Tod?
Mittwoch, 31. Januar 2007

PRONÓSTICOS

Nummer 1, 28. Januar.  2007

 

WAS KOMMT NACH DEM TOD FIDEL CASTROS?

Ein Randgespräch während der Beerdigung Castros¨

 

Carlos Alberto Montaner

pronsticos

Der nachfolgende imaginäre Dialog findet während der Traufeierlichkeiten beim Ableben des Kommandante statt. Wenn alles so geschieht, wie ich mir vorstelle, werden daran nicht nur zwei sondern mehrere, vielleicht sogar viele „Trauernde“ teilnehmen. Der Ton wird möglicherweise leise sein und unterlegt von vielen non- verbalen Zeichen. Ich stelle mir vor, wie die Teilnehmer dieses fiktiven Gesprächs sich weinend umarmen – denn man möchte nach außen viel Betroffenheit zeigen. Es ist sehr klug und wichtig – denn es geht um das politische Überleben jedes Einzelnen in einem derartigen dramatischen Augenblick. Während sie weinen, werden sie sicherlich versuchen, den anderen zu zeigen, dass sie Treu zu den Lehren des verstorbenen Caudillos stehen werden. Einige Mitglieder der Nomenklatur werden sicherlich über Raúl Castro, China und Venezuela sprechen. Für andere wird das Gesprächsthema die USA sein, die Schwierigkeiten des Realexistierenden Sozialismus, die Notwendigkeit eines wirtschaftlichen und politischen Wechsels oder die Unsicherheit in Kuba nach der Ankündigung des Todes Fidels. Alle werden sich sehr betroffen fühlen, aber nicht wegen des Todes Fidels. Ihre Hauptsorge ist ihre persönliche Zukunft, denn in einem Punkt stimmen alle überein: In Kuba sind nach diesem Ereignis neue Zeiten eingebrochen.

Diese Arbeit ist der erste Beitrag von „PRONÓSTICOS“, eine außenpolitische Fernsehreihe.  Sie wird alle zwei Monate über MEGA-TV gesendet. Zeitgemäß beschlossen wir den ersten Beitrag über Kuba zu machen. Der Autor Carlos Alberto Montaner ist ein weltbekannter Schriftsteller und Journalist. Er ist Vorsitzender der Union Liberal Cubana und stellv. Vorsitzender der International Liberal. 

 

Teil I:  DIE NACHFOLGER

 

Auf welche Grundlagen basiert die Macht des Generals Raúl Castro?

Raúl hat fast die absolute Kontrolle über den Militär- und Polizeiapparat sowie über die kommunistische Partei. Seit vielen Jahren hat er Menschen seines Vertrauens in Schlüsselpositionen eingesetzt. Sein Einfluss ist jedoch nicht so groß bei den örtlichen Administrationen, bei der Gewerkschaft, im Kulturbereich und bei den Massenorganisationen. 


Ist er auch ein unbestreitbarer Führer?

Nein. Raúl wurde von seinem Bruder als Nachfolger ernannt. Niemand auf Kuba bestreitet ihm seine “revolutionären Verdienste” – vor allem wegen seiner maßgeblichen Beteiligung am Kampf gegen Batista - . Er genießt den Ruf, eines guten Organisators und eines guten Familienvaters, der mit seinen Untergebenen menschlich umgeht.  Jedoch sieht man ihn auch als einen mittelmäßigen und initiativelosen Menschen, obwohl er sich weniger chaotisch gibt als sein Bruder. In seinem Umfeld betrachtet man ihn als jemand mit menschlichen Zügen. Im Gegensatz zum narzisstischen Fidel Castro ist sein Bruder in der Lage, die Härte gegenüber den Feinden mit einer Dosis Liebe zu den Menschen in seinem Umfeld zu mengen. Natürlich ist Raúl Castro keine solche starke Persönlichkeit wie sein Bruder. Seine Aura ist auch nicht mit Fidels vergleichbar. Außerdem wird Raúl von vielen Mitgliedern der Nomenklatur gehasst. Die meisten von ihnen wurden in den letzten 50 Jahren Opfer von Entscheidungen Raúl Castros, die die bürokratischen Machtspiele innerhalb der Führung in Schranken hielten. Die politische Führungsrolle Fidels wurde nie in Frage gestellt, sowie sein Recht andere Menschen zu bestrafen. Dafür  musste er niemanden Erklärungen abzugeben. Es gibt jedoch zahlreiche Mitglieder der Nomenklatur, die von Raúl Castro eine Rechtfertigung seiner Entscheidungen verlangen. Das ist ein nicht unwesentlicher Unterschied zwischen einen normalen Chef und einem unbestreitbaren Caudillo.

 

Wer stellt die Führungsrolle Raúl Castro in Frage?

Mehr Menschen als man glaubt. Die Absolventen der Militärschulen der ehemaligen Sowjetunion, die später ihre Feuertaufe in Angola und Äthiopien hatten. Für diese Berufsmilitärs ist Raúl Castro ein Taugenichts. Die Technokraten – wie José Luis Rodríguez (Wirtschaftsminister), Francisco Soberón (Nationalbank) und Abraham Macique (Bereich Außenhandel) -  haben ohne zu zögern die kapriziösen Entscheidungen Fidel Castros in der Wirtschaft akzeptiert. Sie haben ihn wie ein allwissendes Wesen betrachtet, obwohl er in Wirklichkeit nur ein risikofreudiger Dilettant mit einem unersättlichen Drang zum Experimentieren war.

Raúl Castro hat nicht diesen Status. Eine ähnliche Situation hat Raúl Castro in seinen Beziehungen zu außenpolitischen Experten, wie Ricardo Alarcón (Beziehungen zu den USA) und Vertreter der offiziellen Kulturpolitik, wie Abel Prieto (Kulturminister), Roberto Fernández Retamar (Casa de Las Américas) und Eusebio Leal (Stadthistoriker). Keiner von ihnen ordnet sich Raúl Castro, seinem Intellekt oder seinen Gefühlen unter. Das ist ein nicht unwesentlicher Unterschied zu Fidel Castro.

 

Spielt dabei der psychologische Faktor eine Rolle?

Aber natürlich ist das ein entscheidender Faktor. Fidel Castro prägte seine Herrschaft mit einem unverkennbaren persönlichen Siegel. Die Institutionen haben kaum eine Rolle während seiner langen Regierungszeit gespielt. In dieser Zeit gar es nie kollektive Entscheidungen auf den höchsten Ebenen der Macht. Das Schlimmste dabei war, die politische Klasse akzeptierte diese Situation ohne wenn und aber. Ein fleißiger Verwalter - wie der stellvertretende Vorsitzende des Staatsrates, Carlos Lage – mit kaum einem Funken Genialität - machte die Augen zu vor dem desolaten Zustand des Landes. Er lebte 20 Jahre lang unter der willkürlichen Führung Castros und akzeptierte sie wegen des Charismas des Revolutionsführers. Mit Raúl Castro an der Macht würden die Dinge anders aussehen. Diese Menschen dachten Fidel sei Genial, Klug, mit einem außergewöhnlichen Gedächtnis und mit einer sehr guten Ausbildung versehen. In ihren Augen war Castro ein Held, der Vernichter von Batista und der amerikanischen Feindseligkeit. Er trotzte dem Zusammenbruch der UdSSR und er überlebte als Staatsoberhaupt. Aber mit Raúl Castro stehen die Dinge anders. Die Bewunderung für den Bruder ist nicht die Gleiche wie für Fidel. Raúl wird nicht als ein außergewöhnlicher Mensch betrachtet. Nicht mal die Leute in seinem Umfeld bewundern ihn als ein Caudillo. Die Bindungen zwischen Raúl Castro und Abelardo Colomé Ibarra, José Ramón Machado Ventura, Jaime Crombet und Julio Casas Regueiro  wurden auf der Grundlage persönlicher freundschaftlicher Beziehungen zum gegenseitigen Vorteil geschlossen.

 

Welche Rolle werden die jungen “Talibanen” spielen?

Ihre Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Sie wurden willkürlich von Fidel Castro in höhere Positionen katapultiert. Die Meisten von ihnen stammen aus der Beratergruppe Castros, der so genannten „Grupo de Apoyo del Comandante“. Wenn Castro aus der Politik ausscheidet, werden seine Schützlinge ebenfalls verschwinden. Ihr politisches Überleben hängt im großen Maße von ihrem Geschickt bei der Schließung von Allianzen mit den zukünftigen Figuren des Machtapparates ab. Felipe Pérez Roque (Außenminister), Otto Rivera (Kommunistischen Jugendverband), Hassan Pérez (Studentenverband), Juan Contino Aslan (Komitees zur Verteidigung der Revolution), Carlos Manuel Valecianga (Privatsekretär Castros) verfügen über keinen institutionellen Rückhalt. Daher ist ihr öffentliches Gewicht gering. In einer ähnlichen Lage befinden sich Randy Alonso, Lázaro Barredo, Reinaldo Taladrid y Rogelio Polanco. Sie sind die Hauptagitatoren bei der kubanischen Version des “Schwarzen Kanals” der ehemaligen DDR.  Ihre Karrieren als Fernsehstars sind an das Schicksal Castros gebunden. Bei Talladrid und Barredo wird ihnen ihre geheimdienstliche Tätigkeit wenig nützlich werden.

  

Was wird Castros „Alte Garde“ tun?

Mit über 75 Jahren sind sie alle alt und gebrechlich. Sie versuchen heute noch den Mythos der legendären Guerrilla der Sierra Maestra zu erhalten. Aber die Wirklichkeit ist, dass Juan Almeida, Ramiro Valdés und Guillermo García kaum eine Rolle in der Regierung während der letzten 50 Jahre gespielt haben. Es wäre vergeblich, unter ihnen einen Talentierten zu suchen. Ramiro Valdés war viele Jahre Innenminister. Er zeichnete sich durch seine repressiven Methoden aus. Man nennt ihn auch den kubanischen Beria. Unter den jetzigen Umständen wäre das kaum eine Empfehlung. Seine alten Kampfgefährten sagen der Kommandanten-Troika nach, sich illegal bereichert zu haben. Während die Regierung Enthaltsamkeit und Egalitarismus predigte, wirkte für das Volk wie eine Ohrfeige, die luxuriöse Lebensweise der drei Kommandanten, vor allem ihre Grundbesitze, ihre Yachten und die skrupellose Nutzung der knappen Ressourcen des Staates, um ihre Frauen oder Liebschaften zu verwöhnen.

 

Nächste Woche Teil II "Drei Sophismen und eine verdeckte Wahrheit"