| Kommentar der F.A.Z. über das Filmfestival in Havanna |
| Freitag, 8. Dezember 2006 | |
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Wie gesagt, es verwundert nicht, daß der kubanische Festivalleiter Iván Goroud ausgerechnet am fünfzigsten Jahrestag der Kubanischen Revolution und zur nachgeholten Feier des achtzigsten Geburtstags von Fidel Castro diesen kubakritischen Beitrag nicht auf einer Leinwand von Havanna sehen möchte, noch dazu vor den Augen der internationalen Filmkritik. Was jedoch sehr wohl verwundert, ja bestürzt, ist die Komplizenschaft der deutschen Diplomatie in Havanna bei einem flagranten Fall von Zensur. Ein Thema, das unter die Haut geht Denn Borchmeyer und Hentschler hätten ihren Film, wie es geplant war, beim Festival von Havanna einreichen können. Natürlich hätten sie sich damit eine formelle Absage geholt, die bei den Filmfestivals demokratischer Länder wie ein Empfehlungsschreiben gewirkt hätte. Bevor es dazu kommen konnte, erhielt Borchmeyer eine E-Mail von Hans-Ulrich Lunscken, dem deutschen Botschafter in Havanna, der ihm zu seinem Werk gratulierte und wörtlich schrieb: „Das Thema geht wohl jedem unter die Haut, der sich mit etwas Sensibilität länger in Havanna aufhält. Besonders beeindruckt hat mich der ,Ruinen-Philosoph' Antonio José Ponte, mit dem ich gerne in Kontakt treten möchte.“ Kurz darauf bot die deutsche Kulturvertretung in Havanna an, den Film in die deutsche Filmreihe „Muestra alemana“ aufzunehmen, die seit zwölf Jahren fester Bestandteil des Filmfestivals ist. (In diesem Jahr werden dort Titel wie „Elementarteilchen“ und „Sommer vorm Balkon“ vorgeführt.) Dann jedoch, am 16. Oktober, teilte der Botschafter dem Regisseur mit, das Kubanische Filminstitut habe „Havanna“ auf die „Giftliste“ gesetzt. Der Film könne deshalb nicht auf dem Festival gezeigt werden. Mit anderen Worten: Zum erstenmal streichen die kubanischen Behörden einen Film aus einer Nebenreihe, die vom Goethe-Institut betreut und von der Bundesrepublik finanziert wird. Doch Botschafter Lunscken hielt Trost bereit. Er bot an, den Film „im Rahmen eines jour fixe in der Residenz“ zu zeigen und im Anschluß darüber diskutieren zu lassen, vor allem von „Betroffenen aus dem System“. Auch die Anwesenheit des Regisseurs sowie des Schriftstellers Antonio José Ponte seien sehr willkommen. Doch Borchmeyer lehnt dankend ab. Der Schaden ist angerichtet und nicht zu überpudern. Klammheimlich einverstanden Deutschland unterhält in Havanna kein Goethe-Institut, sondern nur ein „Gründungsbüro“, das vom jeweiligen Kulturattaché der deutschen Botschaft geleitet wird. Sosehr man Verständnis für die Notwendigkeiten des Standorts Kuba aufbringt: Die freiwillige Preisgabe der Meinungsfreiheit und die stillschweigende Billigung der Zensur gehören nicht zu den Aufgaben deutscher Diplomatie. Man hätte erwarten dürfen, daß die Deutschen auf den beschämenden Zensurfall mit einem offiziellen Protest reagieren, statt sich gegenüber den kubanischen Behörden klammheimlich einverstanden zu erklären. Doch das Gegenteil trat ein, und es ist aktenkundig. Die Regisseure und ihr unbequemes Produkt wurden fallengelassen . Dietmar Geisendorf, der scheidende Kulturattaché, kommentierte die Zensur nur mit den schlaffen Worten: „Verwundern tut uns das nicht - nicht wahr?“ Und seine Programmkoordinatorin Petra Röhler erdreistete sich sogar, Borchmeyer wegen des Worts „Giftliste“ (das aus einem Schreiben des Botschafters stammt) schriftlich „Unterstellung!!!“ vorzuwerfen. Frau Röhler, die in der DDR aufwuchs und danach mehrere Jahrzehnte als systemkonforme Dozentin in Kuba verbrachte, darf hiermit als blendende Repräsentantin demokratischer Streitkultur gelten. Kommenden Februar läuft der Film „Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen“ in Berlin an.
Text: F.A.Z., 07.12.2006, Nr. 285 / Seite 33
Offizieller Dementis der kubanischen Seite:
Kuba: Vermeintlicher Zensurfall ist ein
„Phantasiegespinst“. (EFE) Kuba bezeichnete einen vermeintlichen Zensurfall an einem deutschen Film, der laut dem Kuratorium junger deutscher Film aus dem Festival des Neuen Lateinamerikanischen Kinos in Havanna ausgeschlossen wurde, als „lächerlich“ und ein „Phantasiegespinst“. In eine Meldung sprach das Staatsorgan „Granma“ von einem „nur in der Phantasie existierenden und lächerlichen Fall der Zensur an einem Film, der, wie viele andere auch, nicht die mindeste Qualitätsmaßstäbe erfüllte, um zugelassen zu werden.“ Die Zeitung unterstreicht, dafür sei „das breite ästhetische Spektrum von über 500 Filmen, die bis zum 15. Dezember gezeigt werden, Zeugnis genug“. Das Kuratorium junger deutscher Film brachte am vergangene 1. Dezember an die Öffentlichkeit, der Dokumentarfilms „Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen“ sei aus politischen Gründen aus dem Festival des neuen Lateinamerikanischen Films ausgeschlossen worden, das vom 5. bis zum 15.12. stattfindet. Auf dem Weg über die ruinösen Gebäude Havannas und ihrer Bewohner zeichnet der Dokumentarfilm von Florian Borchmeyer und Matthias Hentschler eine Parabel auf die Auflösung des politischen Systems, an dessen Spitze Fidel Castro steht.
Laut dem
Kuratorium wurde die deutsche Botschaft in Havanna von den cubanischen Behörden
über den Ausschluß informiert. Der Film entwerfe „ein inakzeptables Bilde des
Landes“. |