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PRONÓSTICOS
Nummer 1,
28. Januar. 2007
WAS KOMMT
NACH DEM TOD FIDEL CASTROS?
Ein
Randgespräch während der Beerdigung Castros
Carlos Alberto
Montaner
Der nachfolgende imaginäre Dialog findet während der Traufeierlichkeiten beim Ableben des Kommandante statt. Wenn alles so
geschieht, wie ich mir vorstelle, werden daran nicht nur zwei sondern mehrere,
vielleicht sogar viele „Trauernde“ teilnehmen. Der Ton wird möglicherweise
leise sein und unterlegt von vielen non- verbalen Zeichen. Ich stelle mir vor,
wie die Teilnehmer dieses fiktiven Gesprächs sich weinend umarmen – denn man
möchte nach außen viel Betroffenheit zeigen. Es ist sehr klug und wichtig –
denn es geht um das politische Überleben jedes Einzelnen in einem derartigen
dramatischen Augenblick. Während sie weinen, werden sie sicherlich versuchen,
den anderen zu zeigen, dass sie Treu zu den Lehren des verstorbenen Caudillos
stehen werden. Einige Mitglieder der Nomenklatur werden sicherlich über Raúl
Castro, China und Venezuela sprechen. Für andere wird das Gesprächsthema die
USA sein, die Schwierigkeiten des Realexistierenden Sozialismus, die
Notwendigkeit eines wirtschaftlichen und politischen Wechsels oder die
Unsicherheit in Kuba nach der Ankündigung des Todes Fidels. Alle werden sich
sehr betroffen fühlen, aber nicht wegen des Todes Fidels. Ihre Hauptsorge ist
ihre persönliche Zukunft, denn in einem Punkt stimmen alle überein: In Kuba sind
nach diesem Ereignis neue Zeiten eingebrochen.
Diese Arbeit ist der erste Beitrag von „PRONÓSTICOS“, eine außenpolitische
Fernsehreihe. Sie wird alle zwei Monate über MEGA-TV
gesendet. Zeitgemäß beschlossen wir den ersten Beitrag über Kuba zu machen. Der Autor Carlos Alberto Montaner ist ein weltbekannter Schriftsteller und Journalist. Er ist Vorsitzender der Union Liberal Cubana und stellv. Vorsitzender der International Liberal.
Teil I: DIE NACHFOLGER
Auf
welche Grundlagen basiert die Macht des Generals Raúl Castro?
Raúl hat fast die absolute Kontrolle über den Militär-
und Polizeiapparat sowie über die kommunistische Partei. Seit vielen Jahren hat
er Menschen seines Vertrauens in Schlüsselpositionen eingesetzt. Sein Einfluss
ist jedoch nicht so groß bei den örtlichen Administrationen, bei der Gewerkschaft,
im Kulturbereich und bei den Massenorganisationen.
Ist er
auch ein unbestreitbarer Führer?
Nein. Raúl wurde von seinem Bruder als
Nachfolger ernannt. Niemand auf Kuba bestreitet ihm seine “revolutionären Verdienste” – vor
allem wegen seiner maßgeblichen Beteiligung am Kampf gegen Batista - . Er
genießt den Ruf, eines guten Organisators und eines guten Familienvaters, der
mit seinen Untergebenen menschlich umgeht. Jedoch sieht man ihn auch als einen
mittelmäßigen und initiativelosen Menschen, obwohl er sich weniger chaotisch gibt
als sein Bruder. In seinem Umfeld betrachtet man ihn als jemand mit
menschlichen Zügen. Im Gegensatz zum narzisstischen Fidel Castro ist sein
Bruder in der Lage, die Härte gegenüber den Feinden mit einer Dosis Liebe zu
den Menschen in seinem Umfeld zu mengen. Natürlich ist Raúl Castro keine solche
starke Persönlichkeit wie sein Bruder. Seine Aura ist auch nicht mit Fidels
vergleichbar. Außerdem wird Raúl von vielen Mitgliedern der Nomenklatur
gehasst. Die meisten von ihnen wurden in den letzten 50 Jahren Opfer von
Entscheidungen Raúl Castros, die die bürokratischen Machtspiele innerhalb der
Führung in Schranken hielten. Die politische Führungsrolle Fidels wurde nie in
Frage gestellt, sowie sein Recht andere Menschen zu bestrafen. Dafür musste er niemanden Erklärungen abzugeben. Es
gibt jedoch zahlreiche Mitglieder der Nomenklatur, die von Raúl Castro eine
Rechtfertigung seiner Entscheidungen verlangen. Das ist ein nicht
unwesentlicher Unterschied zwischen einen normalen Chef und einem
unbestreitbaren Caudillo.
Wer
stellt die Führungsrolle Raúl Castro in Frage?
Mehr Menschen als man glaubt. Die Absolventen der
Militärschulen der ehemaligen Sowjetunion, die später ihre Feuertaufe in Angola
und Äthiopien hatten. Für diese Berufsmilitärs ist Raúl Castro ein Taugenichts.
Die Technokraten – wie José Luis Rodríguez (Wirtschaftsminister), Francisco
Soberón (Nationalbank) und Abraham Macique (Bereich Außenhandel) - haben ohne zu zögern die kapriziösen
Entscheidungen Fidel Castros in der Wirtschaft akzeptiert. Sie haben ihn wie
ein allwissendes Wesen betrachtet, obwohl er in Wirklichkeit nur ein
risikofreudiger Dilettant mit einem unersättlichen Drang zum Experimentieren
war.
Raúl Castro hat nicht diesen Status. Eine ähnliche Situation
hat Raúl Castro in seinen Beziehungen zu außenpolitischen Experten, wie Ricardo
Alarcón (Beziehungen zu den USA) und Vertreter der offiziellen Kulturpolitik,
wie Abel Prieto (Kulturminister), Roberto Fernández Retamar (Casa de Las
Américas) und Eusebio Leal (Stadthistoriker). Keiner von ihnen ordnet sich Raúl
Castro, seinem Intellekt oder seinen Gefühlen unter. Das ist ein nicht
unwesentlicher Unterschied zu Fidel Castro.
Spielt
dabei der psychologische Faktor eine Rolle?
Aber natürlich ist das ein entscheidender Faktor. Fidel
Castro prägte seine Herrschaft mit einem unverkennbaren persönlichen Siegel.
Die Institutionen haben kaum eine Rolle während seiner langen Regierungszeit
gespielt. In dieser Zeit gar es nie kollektive Entscheidungen auf den höchsten
Ebenen der Macht. Das Schlimmste dabei war, die politische Klasse akzeptierte
diese Situation ohne wenn und aber. Ein fleißiger Verwalter - wie der
stellvertretende Vorsitzende des Staatsrates, Carlos Lage – mit kaum einem
Funken Genialität - machte die Augen zu vor dem desolaten Zustand des Landes.
Er lebte 20 Jahre lang unter der willkürlichen Führung Castros und akzeptierte
sie wegen des Charismas des Revolutionsführers. Mit Raúl Castro an der Macht
würden die Dinge anders aussehen. Diese Menschen dachten Fidel sei Genial,
Klug, mit einem außergewöhnlichen Gedächtnis und mit einer sehr guten
Ausbildung versehen. In ihren Augen war Castro ein Held, der Vernichter von
Batista und der amerikanischen Feindseligkeit. Er trotzte dem Zusammenbruch der
UdSSR und er überlebte als Staatsoberhaupt. Aber mit Raúl Castro stehen die
Dinge anders. Die Bewunderung für den Bruder ist nicht die Gleiche wie für Fidel.
Raúl wird nicht als ein außergewöhnlicher Mensch betrachtet. Nicht mal die
Leute in seinem Umfeld bewundern ihn als ein Caudillo. Die Bindungen zwischen Raúl
Castro und Abelardo Colomé Ibarra, José Ramón Machado Ventura, Jaime Crombet
und Julio Casas Regueiro wurden auf der
Grundlage persönlicher freundschaftlicher Beziehungen zum gegenseitigen Vorteil
geschlossen.
Welche
Rolle werden die jungen “Talibanen” spielen?
Ihre Möglichkeiten sind sehr begrenzt. Sie wurden
willkürlich von Fidel Castro in höhere Positionen katapultiert. Die Meisten von
ihnen stammen aus der Beratergruppe Castros, der so genannten „Grupo de Apoyo
del Comandante“. Wenn Castro aus der Politik ausscheidet, werden seine
Schützlinge ebenfalls verschwinden. Ihr politisches Überleben hängt im großen
Maße von ihrem Geschickt bei der Schließung von Allianzen mit den zukünftigen
Figuren des Machtapparates ab. Felipe Pérez Roque (Außenminister), Otto Rivera
(Kommunistischen Jugendverband), Hassan Pérez (Studentenverband), Juan Contino
Aslan (Komitees zur Verteidigung der Revolution), Carlos Manuel Valecianga (Privatsekretär
Castros) verfügen über keinen institutionellen Rückhalt. Daher ist ihr
öffentliches Gewicht gering. In einer ähnlichen Lage befinden sich Randy Alonso,
Lázaro Barredo, Reinaldo Taladrid y Rogelio Polanco. Sie sind die
Hauptagitatoren bei der kubanischen Version des “Schwarzen Kanals” der ehemaligen
DDR. Ihre Karrieren als Fernsehstars
sind an das Schicksal Castros gebunden. Bei Talladrid und Barredo wird ihnen ihre
geheimdienstliche Tätigkeit wenig nützlich werden.
Was wird
Castros „Alte Garde“ tun?
Mit über 75 Jahren sind sie alle alt und
gebrechlich. Sie versuchen heute noch den Mythos der legendären Guerrilla der Sierra
Maestra zu erhalten. Aber die Wirklichkeit ist, dass Juan Almeida, Ramiro
Valdés und Guillermo García kaum eine Rolle in der Regierung während der letzten
50 Jahre gespielt haben. Es
wäre vergeblich, unter ihnen einen Talentierten zu suchen. Ramiro Valdés war viele
Jahre Innenminister. Er zeichnete sich durch seine repressiven Methoden aus. Man
nennt ihn auch den kubanischen Beria. Unter den jetzigen Umständen wäre das
kaum eine Empfehlung. Seine alten Kampfgefährten sagen der Kommandanten-Troika
nach, sich illegal bereichert zu haben. Während die Regierung Enthaltsamkeit
und Egalitarismus predigte, wirkte für das Volk wie eine Ohrfeige, die
luxuriöse Lebensweise der drei Kommandanten, vor allem ihre Grundbesitze, ihre
Yachten und die skrupellose Nutzung der knappen Ressourcen des Staates, um ihre
Frauen oder Liebschaften zu verwöhnen.
Nächste Woche Teil II "Drei Sophismen und eine verdeckte Wahrheit"
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