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Cubas
Intellektuelle in Alarmzustand
DeutschlandRadio – Fazit – 15.1.2007
Von Peter B. Schumann
Autor: Es war ein Abend wie so viele im
cubanischen Fernsehen. Cubavisión zeigte sein Programm Impronta, das Künstler und Intellektuelle nur einschalten, um
festzustellen, wer von ihnen denn diesmal seine ‚improntas’, seine ‚Abdrücke’ hinterlassen
würde. Denn Sinn dieser Sendung ist die oft späte Erinnerung an verdiente
Kulturschaffende. Doch der weiß gekleidete, ältere Herr, der da so abgehoben
von Zeit und Raum über vergangene Jahrzehnte cubanischer Kultur sinnierte,
erschreckte die Gemeinde der Intellektuellen. Es war kein Geringerer als Luis
Pavón, Präsident des Nationalen Kulturrats von 1971 bis 1976, der düstersten,
der stalinistischen Zeit der Revolution. Damals setzte er als quasi Kulturminister
die ‚Parameter’ für Hunderte von Kulturschaffenden, d.h. er zensierte und
marginalisierte wie kein anderer vor und nach ihm.
Sprecher: Da saß er, der große ‚Parametrador’ bedeutender
Künstler, er, der sie verfolgt und von ihrer Arbeit vertrieben hatte, er, der
sie vor Gerichte gestellt, ihrer Löhne und ihrer Anstellungen beraubt, der sie
verfemt und der gesellschaftlichen Verachtung preisgegeben hatte.
Autor: So schreibt wenig später Antón Arrufat,
Nationalpreisträger für Kultur und einer der angesehensten Dramatiker der Insel,
in einer eMail an Freunde und Kollegen. Das intellektuelle Cuba zeigt sich
alarmiert, denn viele haben – wie Arrufat – unter diesem Pavón gelitten, und beginnen
sich nun in einer einzigartigen Welle von Kommentare übers Internet
auszutauschen. Selbst Miguel Barnet, einer der wenigen international bekannten
Schriftsteller, die noch auf der Insel leben und eher eine Stimme des
offiziellen Cubas, äußert telefonisch seine Besorgnis. Und aus dem Exil meldet
sich Eliseo Alberto, ein anderer der großen Autoren:
Sprecher: Bis auf meinen
Balkon in Mexico-Stadt sind die Brieftauben geflogen mit den Berichten über den
Zorn, der Pavóns Auferstehung im Fernsehen ausgelöst hat. Und bewegt vernehme
ich den Chor der Würdigen. Ihr könnt auf meine Stimme zählen, meine Wunden,
mein Wort: ich füge meinen Zorn dem Mut der Freunde hinzu.
Autor: Pavonat heißt die Zeit, da Luis Pavón
sein Unwesen mit Billigung der Brüder Castro trieb. Auf dem berüchtigten
Kulturkongress von 1971 hatte Fidel Castro bereits die ‚Parameter’ vorgegeben,
die Pavón willig exekutierte. In Armando Quesada fand er damals einen
Handlanger, der das Theater säuberte und nicht davor zurückschreckte, selbst Puppen,
Marionetten und Kulissen zu verbrennen. Er hatte bereits vor ein paar Wochen
seine televisiven ‚Abdrücke’ hinterlassen dürfen, genauso wie Jorge Serguera, der
Fernsehdirektor jener Zeit der Repression.
Verantwortlich
für diese Programme wie für das gesamte ‚Cubanische Radio- und Fernseh-Institut’
ist der im letzten Jahr ernannte Ernesto López, ein Oberstleutnant und als solcher zuletzt
Direktor der Filmabteilung der Streitkräfte. Doch das Kommando kommt von ganz
oben. Amir Valle, ein Schriftsteller der jüngeren Generation, im Exil in
Berlin, erklärt den Mechanismus:
Take 1 Amir (A 056/030)
Sprecher: Alle Medien und gerade das Radio- und
Fernsehinstitut werden direkt vom Zentralkomitee geleitet. Es wäre also naiv zu
glauben, dass diese Programme ein Einfall von Ernesto López waren, / zumal
letztes Jahr im Schriftsteller-Verband über die schwache Qualität der Kulturprogramme
im Fernsehen diskutiert worden war. Es hat uns nur überrascht, dass Raúl Castro
einen Militär und zwar einen ausgesprochenen Betonkopf an die Spitze des
Instituts berief, als eigentlich eine Figur mit Sinn für Öffnung nötig war, die
der Verband verlangt hatte. (35“)
Autor: Raúl Castro
scheint Leute seines Vertrauens um sich zu scharen, um seine Machtposition
gegenüber den jüngeren Reformern in der Führungsjunta zu stärken. Außerdem ist
der Verteidigungsminister in der Vergangenheit nie als Gesprächspartner von
Intellektuellen oder gar als Förderer der Künste in Erscheinung getreten. Im
Gegenteil – Amir Valle:
Take 2 Amir (A 108/131)
Sprecher: Raúl Castro hat
sich des öfteren für Säuberungen eingesetzt. Außerdem ist er wohl einer der
wenigen Cubaner, die von stalinistischen Methoden überzeugt sind und früher
sich öffentlich als ein Bewunderer Stalins geäußert hat… Und er weiß sehr gut,
dass zum Zusammenbruch des sozialistischen Lagers die Intellektuellen
wesentlich beigetragen haben. / Und deshalb wird er es nicht zulassen, dass die
Intellektuellen stark werden. (30“)
Autor: Viele der Intellektuellen
haben lange Zeit für die Revolution gekämpft oder sich wenigstens zu ihrem
Sprachrohr gemacht. Aber es sind auch Intellektuelle, die die noch schwache innere
Opposition anführen, die Dissidenten-Bewegung und die
Menschenrechtsorganisationen. Und es sind Intellektuelle, die sich aus dem Exil
für eine demokratische Wende einsetzen.
Take 3 Amir (A 134/156)
Sprecher: Viele glauben, dass damit getestet
werden soll, wie die Intellektuellen auf solche Maßnahmen reagieren und in
welchem Zustand von Aufsässigkeit oder Unterordnung sie sich befinden. / Viele Schriftsteller
meinen, dass nichts weiter geschehen wird. Aber andere warnen in ihren
Mitteilungen: Bereitet euch vor, es wird noch einiges folgen. (25“)
Autor: Möglicherweise
ist die Auferstehung von Pavón und seinen Bütteln wirklich nur ein Test, ein
Warnschuss wie Mitte der 90er Jahre, als Raúl Castro die Wissenschaftler
schockierte und ein Forschungsinstitut der Partei säubern ließ: die Politologen
hatten allzu gründlich über die Demokratisierung von Partei und Staat geforscht.
Damals hat seine Brandrede nur ein Strohfeuer entfacht. Diesmal haben die
cubanischen Intellektuellen in seltener Einheit übers Internet reagiert. Sie
wollen nicht erneut an ihrer Unterdrückung mitwirken wie in der Zeit des
Stalinismus vor drei Jahrzehnten. Desiderio Navarro:
Sprecher: Ohne das
Schweigen und die Untätigkeit von fast allen, hätte es diese düstere Etappe,
diesen Grad der Zerstörung nicht gegeben.
ENDE
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