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  Beitrag von Peter Schumann im Deutschland Radio,

"Schwarzer Frühling in Havana

gesendet im März 2007

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Karikatur

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Politische Häftlinge in Kuba
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Mittwoch, 17. Januar 2007

Cubas Intellektuelle in Alarmzustand

DeutschlandRadio – Fazit – 15.1.2007


Von Peter B. Schumann


Autor:        Es war ein Abend wie so viele im cubanischen Fernsehen. Cubavisión zeigte sein Programm Impronta, das Künstler und Intellektuelle nur einschalten, um festzustellen, wer von ihnen denn diesmal seine ‚improntas’, seine ‚Abdrücke’ hinterlassen würde. Denn Sinn dieser Sendung ist die oft späte Erinnerung an verdiente Kulturschaffende. Doch der weiß gekleidete, ältere Herr, der da so abgehoben von Zeit und Raum über vergangene Jahrzehnte cubanischer Kultur sinnierte, erschreckte die Gemeinde der Intellektuellen. Es war kein Geringerer als Luis Pavón, Präsident des Nationalen Kulturrats von 1971 bis 1976, der düstersten, der stalinistischen Zeit der Revolution. Damals setzte er als quasi Kulturminister die ‚Parameter’ für Hunderte von Kulturschaffenden, d.h. er zensierte und marginalisierte wie kein anderer vor und nach ihm.

Sprecher:   Da saß er, der große ‚Parametrador’ bedeutender Künstler, er, der sie verfolgt und von ihrer Arbeit vertrieben hatte, er, der sie vor Gerichte gestellt, ihrer Löhne und ihrer Anstellungen beraubt, der sie verfemt und der gesellschaftlichen Verachtung preisgegeben hatte.

Autor:        So schreibt wenig später Antón Arrufat, Nationalpreisträger für Kultur und einer der angesehensten Dramatiker der Insel, in einer eMail an Freunde und Kollegen. Das intellektuelle Cuba zeigt sich alarmiert, denn viele haben – wie Arrufat – unter diesem Pavón gelitten, und beginnen sich nun in einer einzigartigen Welle von Kommentare übers Internet auszutauschen. Selbst Miguel Barnet, einer der wenigen international bekannten Schriftsteller, die noch auf der Insel leben und eher eine Stimme des offiziellen Cubas, äußert telefonisch seine Besorgnis. Und aus dem Exil meldet sich Eliseo Alberto, ein anderer der großen Autoren:

Sprecher:   Bis auf meinen Balkon in Mexico-Stadt sind die Brieftauben geflogen mit den Berichten über den Zorn, der Pavóns Auferstehung im Fernsehen ausgelöst hat. Und bewegt vernehme ich den Chor der Würdigen. Ihr könnt auf meine Stimme zählen, meine Wunden, mein Wort: ich füge meinen Zorn dem Mut der Freunde hinzu.

Autor:        Pavonat heißt die Zeit, da Luis Pavón sein Unwesen mit Billigung der Brüder Castro trieb. Auf dem berüchtigten Kulturkongress von 1971 hatte Fidel Castro bereits die ‚Parameter’ vorgegeben, die Pavón willig exekutierte. In Armando Quesada fand er damals einen Handlanger, der das Theater säuberte und nicht davor zurückschreckte, selbst Puppen, Marionetten und Kulissen zu verbrennen. Er hatte bereits vor ein paar Wochen seine televisiven ‚Abdrücke’ hinterlassen dürfen, genauso wie Jorge Serguera, der Fernsehdirektor jener Zeit der Repression.

       Verantwortlich für diese Programme wie für das gesamte ‚Cubanische Radio- und Fernseh-Institut’ ist der im letzten Jahr ernannte Ernesto López, ein       Oberstleutnant und als solcher zuletzt Direktor der Filmabteilung der Streitkräfte. Doch das Kommando kommt von ganz oben. Amir Valle, ein Schriftsteller der jüngeren Generation, im Exil in Berlin, erklärt den Mechanismus:

Take 1       Amir (A 056/030)

Sprecher:   Alle Medien und gerade das Radio- und Fernsehinstitut werden direkt vom Zentralkomitee geleitet. Es wäre also naiv zu glauben, dass diese Programme ein Einfall von Ernesto López waren, / zumal letztes Jahr im Schriftsteller-Verband über die schwache Qualität der Kulturprogramme im Fernsehen diskutiert worden war. Es hat uns nur überrascht, dass Raúl Castro einen Militär und zwar einen ausgesprochenen Betonkopf an die Spitze des Instituts berief, als eigentlich eine Figur mit Sinn für Öffnung nötig war, die der Verband verlangt hatte. (35“)

Autor:        Raúl Castro scheint Leute seines Vertrauens um sich zu scharen, um seine Machtposition gegenüber den jüngeren Reformern in der Führungsjunta zu stärken. Außerdem ist der Verteidigungsminister in der Vergangenheit nie als Gesprächspartner von Intellektuellen oder gar als Förderer der Künste in Erscheinung getreten. Im Gegenteil – Amir Valle:

Take 2       Amir (A 108/131)

Sprecher:   Raúl Castro hat sich des öfteren für Säuberungen eingesetzt. Außerdem ist er wohl einer der wenigen Cubaner, die von stalinistischen Methoden überzeugt sind und früher sich öffentlich als ein Bewunderer Stalins geäußert hat… Und er weiß sehr gut, dass zum Zusammenbruch des sozialistischen Lagers die Intellektuellen wesentlich beigetragen haben. / Und deshalb wird er es nicht zulassen, dass die Intellektuellen stark werden. (30“)

Autor:        Viele der Intellektuellen haben lange Zeit für die Revolution gekämpft oder sich wenigstens zu ihrem Sprachrohr gemacht. Aber es sind auch Intellektuelle, die die noch schwache innere Opposition anführen, die Dissidenten-Bewegung und die Menschenrechtsorganisationen. Und es sind Intellektuelle, die sich aus dem Exil für eine demokratische Wende einsetzen.

Take 3       Amir (A 134/156)

Sprecher:   Viele glauben, dass damit getestet werden soll, wie die Intellektuellen auf solche Maßnahmen reagieren und in welchem Zustand von Aufsässigkeit oder Unterordnung sie sich befinden. / Viele Schriftsteller meinen, dass nichts weiter geschehen wird. Aber andere warnen in ihren Mitteilungen: Bereitet euch vor, es wird noch einiges folgen. (25“)

Autor:        Möglicherweise ist die Auferstehung von Pavón und seinen Bütteln wirklich nur ein Test, ein Warnschuss wie Mitte der 90er Jahre, als Raúl Castro die Wissenschaftler schockierte und ein Forschungsinstitut der Partei säubern ließ: die Politologen hatten allzu gründlich über die Demokratisierung von Partei und Staat geforscht. Damals hat seine Brandrede nur ein Strohfeuer entfacht. Diesmal haben die cubanischen Intellektuellen in seltener Einheit übers Internet reagiert. Sie wollen nicht erneut an ihrer Unterdrückung mitwirken wie in der Zeit des Stalinismus vor drei Jahrzehnten. Desiderio Navarro:

Sprecher:   Ohne das Schweigen und die Untätigkeit von fast allen, hätte es diese düstere Etappe, diesen Grad der Zerstörung nicht gegeben.

ENDE 

 
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